Arbeiten aus Spanien klingt erstmal nach einer ziemlich guten Idee.
Laptop einpacken, irgendwo hinfahren, wo die Sonne scheint, WLAN anmachen und dann einfach weitermachen. Nur eben mit Meer in der Nähe, besserem Licht und dem Gefühl, kurz aus dem normalen Alltag ausgestiegen zu sein.
Und ehrlich gesagt: Ein Teil davon stimmt auch.
Wir hatten in Mojácar ein gemietetes Haus, gutes WLAN und sogar einen eigenen Arbeitsraum. Also nicht dieses klassische Bild vom wackeligen Café-Tisch, auf dem der Laptop neben einem halb leeren Kaffee steht, während man hofft, dass der Akku noch eine Stunde hält. Wir konnten wirklich arbeiten. Tür zu, Rechner auf, konzentrieren. Für eine Weile war das unser Büro.
Draußen wartete trotzdem Spanien.
Sonne, Strand, kleine Straßen, neue Orte, Supermärkte mit anderen Produkten, ungewohnte Geräusche, andere Farben, andere Abläufe. Alles war nah genug, um ständig das Gefühl zu haben: Eigentlich könnten wir jetzt auch rausgehen. Und genau das ist vielleicht der Punkt, an dem die romantische Vorstellung und die Realität anfangen, sich ein bisschen zu reiben.
Denn wir waren nicht einfach im Urlaub.
Wir hatten Arbeit dabei. Nicht so ein bisschen symbolische Arbeit, sondern echte. Kundenprojekte, Mails, Abstimmungen, Websites, Layouts, Rechnungen, offene Aufgaben. Dinge, die auch dann weiterlaufen, wenn draußen perfektes Wetter ist. Und natürlich hört auch zuhause nicht alles auf, nur weil man gerade nicht zuhause ist. Die Raten wollen weiter bezahlt werden, Versicherungen laufen weiter, das normale Leben bleibt nicht freundlich stehen und wartet, bis man wieder zurück ist.
Das ist vielleicht die erste Realität beim Arbeiten aus Spanien: Der Ort ändert sich, aber Verantwortung reist mit.
Man wacht also nicht morgens auf und ist automatisch freier. Man wacht auf, macht Kaffee, schaut auf den Tag, checkt vielleicht kurz, was beruflich ansteht, und dann beginnt die Organisation. Wer arbeitet wann? Wer ist mit unserem Sohn unterwegs? Wann gehen wir gemeinsam raus? Gibt es Termine? Muss etwas heute noch fertig werden? Was kann warten? Was fühlt sich nur dringend an, ist es aber eigentlich nicht?
Von außen sieht man später vielleicht ein Foto vom Strand, eine Gasse, ein schönes Licht oder einen Laptop auf einem Tisch. Was man nicht sieht, ist das ganze Dazwischen. Das Wechseln. Das Absprechen. Das „ich muss noch kurz“. Das „kannst du übernehmen?“. Das Arbeiten am Abend, weil tagsüber gemeinsame Zeit wichtiger war. Oder das Wochenende, das eben kein richtiges Wochenende ist, weil Selbstständigkeit nicht automatisch pausiert, nur weil der Kalender es so nennt.
Trotzdem war es genau richtig.
Nicht, weil alles einfacher war. Sondern weil es anders war.
Wir haben schnell gemerkt, dass Arbeiten aus Spanien für uns nicht bedeutet, weniger Alltag zu haben. Es bedeutet eher, den Alltag neu zusammenzusetzen. Zuhause läuft vieles automatisch. Man kennt die Wege, die Routinen, die Ablenkungen, die kleinen Fluchten. Man ist in seinem normalen Leben ein bisschen eingepackt und denkt oft, man hätte keine Zeit. Dabei füllt man sie nur sehr zuverlässig mit den Dingen, die immer da sind.
In Spanien war das sichtbarer.
Da war draußen etwas, das wirklich gezogen hat. Nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit. Man konnte nicht so leicht so tun, als wäre der Tag nur zum Abarbeiten da. Gleichzeitig konnte man aber auch nicht einfach alles stehen lassen, weil wir eben nicht für drei Monate komplett ausgestiegen waren. Genau in diesem Spannungsfeld fand unser Alltag statt.
Ein Elternteil im Arbeitsraum, ein Elternteil mit Kind. Dann Wechsel. Manchmal ging das gut auf, manchmal wurde es eng. Manchmal war ein Vormittag produktiv, manchmal war plötzlich der halbe Tag weg, ohne dass man genau sagen konnte, wo er geblieben ist. Es gab gute Arbeitstage und zähe Arbeitstage. Es gab Momente, in denen das Modell total sinnvoll wirkte, und Momente, in denen man kurz dachte: Zuhause wäre das jetzt einfacher.
Wahrscheinlich wäre es das manchmal auch gewesen.
Aber einfacher ist eben nicht immer besser.
Was gut war: Wir mussten bewusster entscheiden. Wenn wir gearbeitet haben, dann oft konzentrierter, weil klar war, dass die Zeit begrenzt ist. Wenn wir rausgegangen sind, wollten wir nicht nur halb draußen sein und im Kopf schon wieder Mails beantworten. Das hat nicht immer funktioniert, aber der Versuch hat viel verändert.
Gerade mit Kind wird diese romantische Vorstellung vom Arbeiten unterwegs sowieso schnell geerdet. Ein Kind lebt nicht im Hintergrund. Es wartet nicht den ganzen Tag geduldig, bis noch eine Änderung eingebaut ist. Es hat Hunger, Ideen, Fragen, schlechte Laune, gute Laune, Bewegungsdrang und manchmal einfach keine Lust auf die Pläne der Erwachsenen.
Das ist anstrengend, aber auch gut.
Weil es verhindert, dass man sich komplett in Arbeit vergräbt. Weil man rausgeht, obwohl man vielleicht noch eine Stunde länger sitzen geblieben wäre. Weil man Orte nicht nur durch die Augen von Erwachsenen sieht. Und weil man immer wieder merkt, dass diese Reise nicht nur ein anderer Arbeitsplatz war, sondern auch gemeinsame Zeit, die wir so zuhause wahrscheinlich nicht gehabt hätten.
Die Realität war also nicht: morgens zwei Stunden arbeiten, danach Strand, abends Sonnenuntergang.
Die Realität war eher: arbeiten, Kind, einkaufen, rausgehen, kochen, wieder arbeiten, Wäsche, Kundenmail, kurzer Ausflug, müde sein, nochmal Rechner auf, am nächsten Tag neu sortieren.
Eigentlich ziemlich normal.
Nur eben in Spanien.
Und genau darin lag der Wert. Nicht darin, dass alles plötzlich leicht wurde. Sondern darin, dass unser normales Leben an einem anderen Ort etwas durchlässiger wurde. Die Arbeit war da, aber sie war nicht mehr der einzige Rahmen für den Tag. Der Ort spielte mit. Das Wetter spielte mit. Unser Sohn spielte sowieso mit. Und manchmal entstand aus diesem Gemisch ein Tag, der weder richtiger Urlaub noch normaler Arbeitstag war, aber trotzdem gut.
Jetzt, zurück in Hamburg, merkt man erst richtig, wie schnell der alte Alltag wieder greift.
Alles ist wieder vertraut. Die Wege sind bekannt, die Aufgaben auch. Der Druck fühlt sich sofort wieder ein bisschen näher an. Man ist schnell wieder in diesem Modus, in dem man denkt, man könne gerade nicht raus, nicht kurz abschalten, nicht den Tag anders bauen. Dabei stimmt das wahrscheinlich gar nicht immer. Man hat oft mehr Spielraum, als man glaubt. Man ist nur zuhause besser darin, ihn zu übersehen.
Vielleicht war Arbeiten aus Spanien deshalb weniger eine romantische Auszeit und mehr ein Test.
Ein Test dafür, was wirklich nötig ist. Was Arbeit braucht. Was Familie braucht. Was wir brauchen, damit nicht alles nur aus Funktionieren besteht. Und auch ein Test dafür, wie viel von diesem Gefühl sich zurück nach Hamburg mitnehmen lässt.
Denn am Ende war Spanien nicht die Lösung für alles.
Aber es hat etwas verschoben.
Wir haben gesehen, dass Arbeit nicht automatisch an einen festen Ort gebunden ist. Dass ein guter Arbeitsraum hilft, aber nicht alles entscheidet. Dass gutes WLAN großartig ist, aber keine klare Tagesstruktur ersetzt. Dass Sonne vor der Tür schön ist, aber keine Deadline verschwinden lässt. Und dass Freiheit oft weniger mit Nicht-Arbeiten zu tun hat als mit der Frage, wie man Arbeit in sein Leben einbaut.
Romantische Vorstellung gegen Realität ist deshalb vielleicht gar nicht der richtige Gegensatz.
Es war beides.
Es war schön und anstrengend. Frei und organisiert. Leicht und voll. Manchmal sehr nah am Klischee und manchmal sehr weit davon entfernt. Es gab Strandtage und Bildschirmabende, gute Laune und müde Übergaben, tolle Momente und ganz normalen Arbeitskram.
Und vielleicht war genau das die ehrlichste Version davon.
Nicht raus aus dem Alltag.
Sondern Alltag woanders.
Mit mehr Licht, mehr Meer und etwas mehr Abstand zu der Vorstellung, dass Arbeit immer nur so funktionieren muss, wie sie zuhause funktioniert.
